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Business Theater ist hoch im Kurs

Vollmer_zurueck_an_die_arbeit (© Vollmer, Linde Verlag)
Lars Vollmer: Zurück an die Arbeit (© Vollmer, Linde Verlag International)

In vielen Unternehmen verbringen Chefs, Team-Leads, Developer, Programmierer und (alle anderen Mitarbeiter) viel Zeit mit: Arbeit? Leider Nein – sondern mit Dingen, die wie Arbeit aussehen. Es gibt Zeitgenossen, die diese Form der Mimikry bis zur Perfektion beherrschen. Es werden Power-Point- oder Prezi-Präsentationen, Reports und Organigramme gebaut, Meetings, natürlich getime- boxt, mit Abstimmungen, Jahresgesprächen und Budgets- Verhandlungen befüllt und abgesessen, Unternehmens- Leitbilder in (Bewegt-) Bild, Text und mit oder ohne Ton entworfen und es bleibt, was es in Wirklichkeit ist: keine wertschöpfende Arbeit, sondern nach innen gerichtete Beschäftigung, also reines Business-Theater, die keinem (externen und JA, um hier gleich die internen abzugrenzen) Kunden dient. Dinge zu tun, die nicht bezahlt oder ähnlich wertgeschätzt werden, haben einen den Geschmack von Verschwendung. Und genau da raste ich ein und zeige als Agilist und (ehem.) Ressourcen-Manager hin. Mir selbst schon untergekommen sind Tage, an denen ich von einem Meeting zum anderen gehetzt bin – Ja, ich könnte sagen, das war Arbeit. Für Produktion brauche ich selbst aber weniger Meetings – und mehr Luft zum Denken.

Ein geachteter Scharfdenker unserer Zeit, Dr. Lars Volmer, hat diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet. Geht es nur um Management? Nein, (zu-) viele Punkte passen auch auf die Agilität, deren Handhabung und deren Umsetzung. Müssig, hier eine weitere Buchbesprechnung zu schreiben. Aber eins ist mir hier im Zusammenhang mit der Agilität wichtig: Das Inhaltsverzeichnis und ein paar Reflektionen, die ich (spitzfindig, bitte Entschuldigung) anregen möchte, diese Schlagworte einfach mal unter der Überschrift dieses Artikels (ein-) wirken zu lassen:

  • Rituale, Reports, Regierungserklärungen (Dailies, Velocy, Burndown und Review)
  • Die 4. Art der Verschwendung: “出会い”  (Meetings, Poly-Monologe und Tim Wood)
  • Warum so wenig gearbeitet und so viel Theater gemacht wird (Jeder ist wichtig(-iger) )
  • Die Welt ist eine Bühne – für die Unternehmen fällt der Vorhang (es wird agil gespielt)
  • Taylorismus + Komplexität schreiben zusammen Dramen (nicht agil dürfen ist qualvoll)
  • Was, wenn keiner mehr Bock auf Theater hat? (und es doch alle machen? Zweifelhaft…)
  • Zurück zum echten Zweck – dem zahlenden Kunden (Nur der zahlt meine Rechnungen)
  • Und mach es endlich: „Kill your Darlings!“ (everybodys darling is a konformanter Depp)
  • Sind theaterarme Unternehmen profitabler? (sie sind ärmer an Verschwendung, oder?)
  • halbw(g)ahre Lippenbekenntnisse – genau zur falschen Hälfte (weil kuschelig bequemer ist)

Alle müssen wieder mehr ‚echt‘ arbeitendürfen

„Nicht die Chefs / Kollegen / Mitarbeiter sind blöd. Die Werkzeuge und Tools, die sie nutzen (müssen, weil vorgegeben), sind blöd“, so sinngemäß Dr. Vollmer. Ich bin überzeugt, und deshalb vertrete ich das auch mit den ‚Bekenntnissen‘ in diesem Beitrag: „Genau zur falschen Hälfte …“ – Es ist eine ganz einfache Überlegung, das es nicht besser wird, wenn ‚es‘ nur mehr oder schneller wird.

Mit überholten Werkzeugen und wirkungslosen Prozessen im Management versuchen Unternehmen, der sich stetig verändernden Wirklichkeit Herr zu werden. Und was ist, wenn altbekanntes Management ausgedient hat und einfach nicht mehr wirkt?

Wichtig hierbei ist auch zu verstehen, das es zwischen Wirklichkeit und Realität sogar noch Unterschiede gibt. Und dabei vergiften sie, manchmal schleichend, auch offensichtlich, was sie zu retten versuchen. Viele dieser Werkzeuge stammen aus einer anderen Welt – besser anderen Zeit, deren Haltbarkeitsdatum „etwas“ überschritten ist. Wie bei Frischkäse: ist klar abgelaufen, aber kann man ja noch essen – oder sehen Sie etwas? Weissen Schimmel – auf weissem Grund?

Einer behäbigen Welt, einer stringenten, linearen Zeit mit niedriger Komplexität, langsamen Wandel und wenigen Überraschungen. Um darin, also dieser behäbigen Welt (äh: -Zeit), ökonomisch schlagkräftig zu sein, bedurfte es Ordnungen und Strukturen mit einer pyramidalen Hierarchie. Soweit, so brauchbar. Die Anweisungen kamen aus dem OFF (von oben); Gehorsam, Disziplin und knappen Berichten kamen ON-line von unten. Abteilungen mit unterschiedlichen Funktionen befolgten immer gleichartige Abläufe, es herrschten strenge Regeln mit Strafen bei Nichtbefolgen und eine ausgelobte, oft nur materielle Belohnungen im Erfolgsfall (extrinsische Motivation). So erreichte man maximale Effizienz bei minimalen Reibungsverlusten. Diese Automatik hat gut, lange und auch recht sicher funktioniert – und die Vorgesetzten habe das ja lange genug (auch aus Selbsterhaltungstrieb ?!) postuliert.

Die r(w)ichtige Voraussetzung für das Funktionieren war, dass dieser auch wusste, was in welcher Situation zu tun war – jahrzehntelang. Es wurde SO postuliert, gelehrt, gelernt, umgesetzt und bei Erfolg (also dem Befolgen) auch honoriert. Dementsprechend perfekt schnurrten Firmen und Abteilungen recht reibungslos (… und störende Reibung wurde gemäß der vorherrschenden Fehlerkultur entweder konstant weggeschliffen oder robust entfernt). Bis die Störung der Digitalisierung einsetzte und die bekannte Welt auf den Kopf stellte. Das, was stört, wurde selbst die neue Rahmenbedingung als solches – wie jetzt diese jetzt wegschleifen oder entfernen? Eine Krux.

Branchen, Wirtschaftssegmente und Bereiche haben noch keine universellen Lösungen, wie sie mit komplexen Wirklichkeiten umgehen sollen. Es existiert nur rudimentär ein Wissen darüber und somit wenig Erfahrung, weshalb es (ausgehend von dem alten Fundament) auch keine klare Anweisungen mehr geben geben kann. Das gesamte Organisationssystem geriet ins Wanken. Ja, es stabilisiert sich (partiell), aber zählen Sie mal die Anzahl der Stabilisierungen und dagegen die Anzahl der immer neu auftretenden Veränderungen. Merken Sie was?


1 Kommentar
  1. […] wissenschaftlich und auch in der Agilität schwer zu fassen (mir ist noch keine KPI dafür bekannt). Es durchzieht gleichwohl unser gesamtes soziales Miteinander und: Ohne […]

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