Sie brauchen (mehr) eigene Drogen, Schaltkreise der Motivation

Mythen der Motivation, 1, 2, 3

Die Folge von Mögen oder Verlangen

Recht lange gingen die Forscher davon aus, dass Dopamin, das durch den obigen Effekt ausgeschüttet wird, den Lustgewinn verursachen würde. Menschen und Tiere (bei denen es zweifelsfrei nachgewiesen wurde) würden demnach vermehrt aktiver agieren, weil Dopamin ihnen ein Hochgefühl beschert, nachdem sie dann immer wieder verlangen.
Der Neuroforscher Kent Berridge von der University of Michigan liess diesen theoretischen Schluss 1996 wanken: Berridge trennte und deaktivierte bei Laborratten entscheidende Verknüpfungen der Nerven nahe dem lateralen Hypothalamus. Bestehende Verbindungen zwischen dopaminergen Mittelhirnneuronen zum Striatum und zum Nucleus accumbens wurden dadurch unterbrochen. Es führte zu einer verminderten Dopaminkonzentration in diesen Bereichen im Hirn der Tiere.

Als Folge darauf hörten die Ratten auf zu fressen, also aktiv nach Futter zu suchen. Legte der Forscher ihnen aber einen Bissen auf die Zunge, reagierten sie wie normale Nager und verzehrten das Leckerchen. Berridge schloss daraus, dass die Tiere die Nahrung grundsätzlich schon mögen, aber kein Verlangen mehr danach haben. Ihnen fehlt schlicht die Motivation, nach Futter zu suchen. Und genau das ist der Unterschied, der im Kopf zu suchen ist.

In vielen Aufträgen habe ich Team-Mitglieder (IT-Leiter, Developer oder PO`s) gehabt, die Ihre Aufgabe mögen … (mehr aber auch nicht.) Was meinen Sie: Ist das (nur) bedenklich oder besorgniserregend?

Tests mit gesunden, also nicht manipulierten Ratten verstärken dieses Ergebnis: Wurden bei ihnen die dopaminergen Axonen im lateralen Hypothalamus stimuliert, enwickelten diese Tiere ein intensives Verlangen nach Futter, ohne dass dabei ihr Lustgewinn zunahm. Dieses Verhalten hat (leider) reale Parallelen: Das Verhalten von Süchtigen: Zahlreiche Drogen wirken direkt oder indirekt auf die Ausschüttung von Dopamin ein – und damit ist z.B. auch Zucker-(Wasser wie Cola), geschmackliche Verstärker (Hamburger-Effekt) oder Schokolade gemeint, nicht nur das ‚böse Zeugs‘, vor dem wir versuchen, unsere Kinder zu schützen. Darum beschäftigt sich auch die Suchtforschung intensiv mit der Mechanik des mesocortikolimbischen Systems.

Begierde als treibender Motivator

Anders als die Hirnforschung lange vermutete, ist für das eintretenden Hoch- und Glücksgefühl, wenn wir bekommen, wonach wir uns sehnen, nicht das Dopamin, also der Botenstoff selbst, verantwortlich. Diese Rolle kommt den körpereigenen Opiaten zu, den Endorphinen, sowie anderen Botenstoffen wie dem Oxytocin. Dopamin ist „nur“ der Neurotransmitter der Belohnungserwartung. Denken Sie an den leckeren Kuchen oben. Denn es ist nicht die leckere Speise selbst, die uns den Dopamin-Kick verpasst, sondern der Anblick des genüsslich kauenden Gegenübers mitsamt seiner Speise. Das kurbelt das Dopaminsystem an und generiert dieses tiefe Verlangen. Das Nachgeben aktiviert das mesocortikolimbische System, das immer dann aktiv wird, wenn wir eine Belohnung erwarten. Es geht also nicht um die Genussbefridigung des Essens selbst, sondern um die Antizipation dessen, was Freude bereiten könnte. Das findet alles NUR im Kopf statt, ohne dass ein „Stück Kuchen“ über unsere Lippen gegangen ist. Jetzt ist es raus: Antizipation!

Agile Motivation – 3.S: Sport, Sex, Sonne?

Jetzt wissen wir es: Körpereigene Drogen machen süchtig – Endorphine, Serotonin, Dopamin und Adrenalin sind nur vier von vielen körpereigenen Drogen und Hilsmittelchen auf dem Weg, uns gut zu fühlen, die für Rauschzustände sorgen und abhängig machen. Der Rausch fühlt sich gut an: Ob frisch verliebt, einen Orgasmus erleben, ekstatisch zu tanzen oder beim Joggen an seine Leistungsgrenzen zu gehen (z.B. im Flow). Dies sind die Momente, in denen der Körper euphorisierende und leistungssteigernde Stoffe produziert – und bei der Arbeit? Oft Fehlanzeige! Wann haben Sie zuletzt, ja, ist etwas PROvokant, folgendes (so in de Art) gesehen: Einen …

  • verklärt grinsenden Entwickler, komplett im Flow, bei seinem coding?
  • IT-Admin, der seine Server (Schränke) liebevoll „seine Kinder“ nennt?
  • PO, der fröhlich pfeifend in JIRA (o.ä.) seine Tickets konsolidiert?
  • relaxten Scrum-Knecht, der dem Ober-„Mufti“ elegant seine(!) Impediments entfernt?

Von körpereigenen Drogen in diesem Zusammenhang ist in unterschiedlichen Konstellationen immer wieder die Rede. Bei der Arbeit nicht. Böse: Die Menschen sollen gefälligst motiviert sein (Wie Motivation entsteht: später dazu mehr). Bitterböse: Arbeit soll auch (k)einen Spass machen! Sonst wäre es ja Belustigung! Unerhört – wo kommen wir denn da hin? Und wie und wo kann auf dieser Basis Agilität entstehen? Ohne jede Motivation? Die schlimmste Vermutung ist: Gar nicht – und das ist oft gefühlte Realität. Beweis:

Adrenalin und Endorphine, Serotonin und Dopamin sind nur vier der bekanntesten Stoffe, die den Körper in Rausch versetzen. Zur Bildung von Serotonin braucht der Körper Licht. Serotonin wirkt wie ein Antidepressivum und ist dafür verantwortlich, dass sich bei Sonne auch die Laune bessert. (Wo wird oft entwickelt? Im Keller ist noch Platz …) Gleichzeitig wirkt Serotonin entspannend und beruhigend. Bei einem Solariumsbesuch oder einem ausgedehnten Sonnenbad wird Serotonin ausgeschüttet. Sehen Sie mal in den Keller – Sie kommen drauf – in meinem scheint keine Sonne. Auch keine gute Laune oder Motivation.

Es wirkt – erst recht abwesend

Jetzt mal hier abwesend: beim Schuhe kaufen, Flow und gedachter Mord. Dopamin wird auch als das Glücks- oder Belohnungshormon bezeichnet. Es kann beim Kauf neuer Schuhe ebenso entstehen wie bei sogenannten Flow-Erlebnissen, also dann, wenn man ganz und hingebungsvoll in eine Tätigkeit vertieft ist. Auch für das Gefühl, auf Wolken zu schweben, wenn man frisch verliebt ist, ist ein hoher Dopaminspiegel verantwortlich. Wenn Sie eine Aufgabe richtig interessiert, ist es bis zu Flow nicht mehr weit. In deutschen Stuben wird der primäre Gelderwerb (konkret) vor dem Flow gefördert – so wird das nichts …

Mit Adrenalin an Mord gedacht

Adrenalin, das in der Nebenniere gebildet wird, wird in Stresssituationen ausgeschüttet: Der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller, die Aufmerksamkeit wird schlagartig fokussiert und konzentriert, Energiereserven werden gebündelt und mobilisiert – um weg zu laufen. Adrenalin ist eine leistungssteigernde körpereigene Droge. Zusammen mit den Endorphinen, die Schmerz und Hunger unterdrücken und wie körpereigenes Morphium wirken, entsteht ein euphorischer Alarmzustand, der entweder in einem ein Glücksgefühl – oder in einem Tötungswunsch endet. Und wer es einmal erlebt hat, der will es immer wieder – das viel seltere Glücksgefühl (auch bekannt als Eustress.) Der Tötungswunsch überwiegt in der realen Welt, der auch negativer Stress (Dystress) genannt wird. Zählen Sie mal morgens in Bus, Bahn oder an der Ampel die Gesicher, die richtig glücklich aussehen? Ich denke, Sie sehen ‚in die Röhre‘ …, ziemlich finster – ebenso abends, 18 Uhr auf dem Weg nach Hause.

Nebenwirkungen haben die körpereigenen Drogen keine bekannten, süchtig machen können sie sehr wohl. Sie sind dafür verantwortlich, dass Menschen den Kick in wechselnden (Sex-) Partnern, im Extremsport, oder übermässigen Sonnenbädern suchen. Obwohl all das und es ist nicht unbekannt, zu viel Sonne Hautkrebs verursacht, Seitensprünge eine Beziehung gefährden und Extremsport nicht gesundheitsfördernd ist. Ganz Platt und einfach: „Drogen können töten“. Punkt. Egal wo diese herkommen. Selbst eine vordergründig substanzgebundene Sucht wie bei Alkohol- oder Kokain-Missbrauch ist nach neuen Erkenntnissen eine Verhaltenssucht. Das heißt, es werden immer wieder gezielt Situationen aufgesucht, die den Rausch versprechen. Nun ist nicht jeder, der gerne mal eine sportliche Herausforderung sucht oder Spaß am Sex hat, süchtig. Ob jemand suchtanfällig ist, hängt auch von der Persönlichkeit des Einzelnen ab.
Verhalten: Vordergründig = und was ist mit nachhaltig?

Bitte das Bessere – mit Sinn!

Fazit: Hier ist jetzt der Abschluss der Brücke, die zuvor erstmal gebaut werden musste. In dem Artikel Verhalten behalten bin ich schon aus einem anderen Blickwinkel an das Thema herangetreten. Mein Fazit ist: Agilität ist (auch) das Erkennen der Mechanik um Drogen, das Loslösen von Bewertungen ala gut oder schlecht und egal wie und wo diese herkommen. Sie, die Drogen sind existent und sind ein Bestandteil der evulotorischen Entwicklung (aha: Entwicklung, zum besseren = Evolution). Das sollte auch in allen Hirnen stattfinden, also diese Evolution zum Besseren. Ich wünsche mir, dass in vielen (noch existierenden) Silos, Abteilungen (und Macht-Räumen) dieser Beitrag gelesen und diskutiert wird. Die folgende Erkenntnis ist nicht diskutabel:

Nicht DIE Arbeit wird gemacht, sonder Menschen MACHEN die Arbeit (ob gut oder nicht ist ein anderes Thema.)

Entscheidend ist, was ich einerseits mit dem Wissen um Drogen (für) mich mache und andererseits, ob und wie diese Erkenntnisse für jeden, auch meinen Beruf (hier klammere ich all diejenigen, die nur einen Job ohne Überzeugung erledigen, einfach wg. fehlendem (setzen Sie gewünschtes ein) aus) sinnstiftend genutzt werden kann.

Meine Wahl ist: JA, es kann. Allein die Erkenntnis, dass Sie und ich mehr Zeit mit (um in der tayloristischen Terminologie ‚Arbeit‘ zu bleiben) und genau dieser lusttötenden Tätigkeiten als mit Ihrem Partner / Freunde oder Kinder, verbringen, sollte ein klatschendes Geräusch in Ohrenhöhe erzeugen. Arbeit muss gemacht werden, ohne Zweifel – aber warum ohne Spass und Befriedigung? Natürlich wird es Ausnahmen geben. Und doch, wir schaffen es nach wie vor (erfolgreich), uns mit Dingen, die uns weder befriedigen noch Spaß und Freude bereiten, das Leben (also die gesamte Zeit, die wir haben) zu verderben. Irgend etwas machen wir da immer noch (richtig!) falsch. Viele Menschen gestalten ihr Leben UM die Arbeit (herum …) Bedenklich, oder?

Selbst Denken: Befeuern, verbessern, agil werden

Die Agilität, in meiner Welt ein erheblicher Teil des selbst und ständigen Denkens, Reflektierens und aus den Ergebnissen lernen, mit Drogen zu befeuern, halte ich für ein ein (Stroh-) Feuer. Wie jedes Feuer, ist dieses über kurz oder lang abgebrannt. (Wo kommt wohl der Begriff „Burnout“ her?) Alleine der Gedanke, Glück in Form von extern zugeführten Drogen kaufen zu können, ist ein manipulierter, sehr geschickt gesteuerter Trugschluss. Es geht nicht. Punkt.
Glück entsteht durch innere Haltung. Die Frage ist: Wie gehen wir alle, schon in der ((früh-) kindlichen) Bildung motivatorisch und konstruktiv einwirkend damit um? Und wer muss Ignoranz, kurzfristiges Erfolgsdenken und Machtstreben ausbaden? Damit lasse ich Sie jetzt mal alleine … denn Sie kommen drauf (aber nur, wenn Sie eine gute Führung / Coaching haben …, nicht so wie hier.)

Dealer verkauft Drogen - und es geht immer um Macht
Dealer verkauft Drogen – und es geht immer um Macht

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