Sie brauchen (mehr) eigene Drogen, Schaltkreise der Motivation

Schaltkreise der Motivation

Eigene Drogen motivieren …

(be-) nutzt – nur agile

Ein beglückendes Gefühl – als nächste Stufe Orgasmus: Ein Stück oberleckeren Kuchen oder die Edelbitter-Schokoladen-Creation mit Chili-Kirsch-Füllung, natürlich 80% Kakao. Es geht auch einfacher: Das Kaltgetränk, die Erleichterung, und sei es nur Wasser, nach dem Sport oder das Bedürfnis nach der mentalen Ruhe (Medidation, „Wasser-starren“ oder im Wald „Bäume zählen“) nach einem echt stressigen Arbeitstag. Halt: Was hat das mit Change oder Agile zu tun? Sehr viel und lesen Sie selbst – insbesondere bis zum Schluss.

Ihr Ecstasy digital Media, eigene Drogen
Alles lustige „Dropse“ einige mit verheerenden (Neben-) Wirkungen

Ein typischer Ablauf – sehr agil

Wer schon einmal eine Diät gemacht hat, kennt das: Den ganzen Tag hat man tapfer durchgehalten, und dann sitzt Freund / Freundin gegenüber und vernascht ein Stück Schokoladenkuchen. Köstlich. Die Gier schlägt zu und schon stellt sich ein brennendes Verlangen nach dem saftigen süßen Gebäck ein. Widerstand ist zwecklos – zumal das „verbotene“ Naschwerk umso verführerischer wird, je länger man versucht, sich gegen die Verführung zu wehren, die Ratio gerät unter heftigen Beschuss. Sie wollen sich belohnen (für den Verzicht), aber genau diese kurzfristige Belohnung gefährdet das langfristige Ziel – warum machen Sie diese Diät wirklich?

Belohnung(s) (mit) System – nicht agil

Unterbewusst spielen Belohnungen bei jedem Menschen eine wichtige Rolle und ein Widerstand ist fast zwecklos: Die Hirnforscher haben nachhaltig belegt, dass im Gehirn jedes Menschen zumeist unbewusste Belohnungsprozesse, die in der evulotorischen Entwicklung fussen, ablaufen. Auch bei Team-Mitgliedern und Führungskräften. Und nun kämpfen Sie mal schön gegen sich selbst … und die Iteration (Agile) lässt grüßen. Warum? „Schindern“ – belohnen – „schindern“ … Wenn wir also verstehen, wie genau dieses Belohnungssystem funktioniert, können wir es besser zum Vorteil in der Sache beeinflussen. Wie funktioniert es also genauer?

Dies geschieht, indem wir bei Belohnungen Hochgefühle oder Wohlbefinden erleben und durch diese Erfahrung dazu animiert werden, dieses Erlebnis zu wiederholen. Zum Beispiel wenn wir etwas besonders Leckeres essen, eine Aufgabe erledigt haben, mit einem uns wichtigen Menschen eine schöne Zeit haben oder uns verlieben. Ebenso Zuspruch und Bestätigung (bei der Arbeit) gehören dazu. Wir versuchen dann, diese Erfahrung zu wiederholen. Das kann auch passieren, wenn wir, um wieder etwas näher an agile Methoden rücken, einen Scrum-Sprint ‚JIT‘ abgeschlossen und die Produktdemo nicht nur erfolgreich, sondern auch mit Zuspruch des Endkunden (oder Stakeholders) gelaufen ist. Oder ein Impediment nachhaltig beseitigt wurde. Dazu später mehr – das ist einer meiner Schwerpunkte. Hier an dieser Stelle erfährt die Weisheit: „Wann haben Sie zuletzt Ihr Kind gelobt?“ irgendwie eine weitere Sichtweise. Das traurige daran ist, dass wir Deutschen, ist bewiesen und belegt, Meister im Jammern und Nörgeln sind. Das gibt mir (schwer) zu denken.

Das Wichtigste in Kürze, 1, 2, 3

Die Wirkung des Systems – dahinter (1)

So in etwa und ziemlich genau nah dran: Das Hirn will Belohnung, wie amerikanische Wissenschaftler bereits 1954 entdeckten. Verantwortlich dafür ist das mesocortikolimbische System im Kopf, ein weit verzweigtes Netz aus Hirnarealen und Neuronen und funktioniert wie ein Schaltkreis: In der Großhirnrinde entsteht ein Bedarf, also die Nachfrage oder Verlangen. Gibt man diesem nach, gehen Signale unter anderem an das limbische System und den Hippocampus und zuletzt an die Großhirnrinde – als die Rückmeldung, dass der Befehl ordnungsgemäß ausgeführt wurde. Der wichtigster Mitspieler im System ist das Dopamin. Es generiert das Verlangen und eine Erwartung (nach Belohnung) und ist damit ein wichtiger Motivator.

Dopamin, eine chemische Substanz, die auch gerne als Botenstoff genannt und verwendet wird, wird bei diesem Prozess erst ausgeschüttet und dann aber auch recht zügig vom Körper wieder abgebaut. Der Beweis ist einfach: Können Sie sich 2 Std. lang freuen? Oder das momentane Glücksgefühl nach … dem Sex? Keine Sorge, nicht dieses als solches, sondern das, was dieser auslöst. Schon mal aktiv danach auf die Uhr gesehen und die realistische Zeit genommen? Es sind, leider, nur Minuten. Das ist die im Volksmund gemeinte Sucht, die fälschlicherweise nicht von ’suche‘ abstammt, sondern von siechen, dem Siechtum (schleichender Ver- oder Zerfall). Sucht ist, wenn dieser ‚Pegel‘ abfällt oder nicht gedeckt ist. Gut, das das hier korrigiert ist. Etwas sehr ähnliches geschieht, wenn wir in der oder nach erledigter Arbeit, die richtig rund lief, fertig sind und uns an dem Ergebnis erfreuen.

Belohnungssystem – im Wandel (2)

Das Belohnungssystem im Hirn verändert sich im Laufe des (fortschreitenden) Lebens. Fakt: Eindrücklich zeigt sich das auf einem Zeitstrahl links in der Pubertät und rechts im Alter. Jessica R. Cohen von der University of California in Los Angeles bewies, dass junge Menschen in der Pubertät besonders viel Dopamin in ihrem Striatum ausschütten, wenn sie riskante Handlungen erfolgreich abschließen. Das motiviert sie dazu, sich in ähnlichen Situationen erneut zu versuchen – und erklärt das merkwürdige, irrationale und risikobetonte Verhalten von Teenagern. Es ist noch nicht so lange her, da gab es in Berlin einen irrwitzigen Sport: S-Bahn Surfen. Sie suchten den Kick (es gibt noch andere Beispiele …) Es mussten junge und letztendlich tote Menschen beklagt werden. Würde Sie (selbst) derartiges heute tun?

Ursache der hohen Dopamin-Ausschüttung im Gehirn der Jugendlichen ist nach Ansicht der Forscher der massive Umbau des Gehirns in der Pubertät. Er setzt manche Kontrollmechanismen für einige Zeit außer Kraft, während andere noch nicht vollständig aufgebaut sind. Es ist tatsächlich eine Art Loch – und mit Löchern ist schlecht denken – zum Glück wachsen diese mit zunehmenden Alter zu.

Im Alter wandelt sich erneut die Reaktion des Gehirns auf Dopamin, wie Forschungen von J.C. Dreher vom Institute des Sciences Cognitives in Bron (France) und Karen Berman vom National Institute of Mental Health in Bethesda, USA. Die Forscher ließen ‘Testlinge’ zwischen 25 und 65 Jahren zu einer Simulation antreten, bei dem diese finanzielle Belohnungen gewinnen konnten. Dabei wurden bei den Probanden die Gehirnaktivität per Positronen-Emissions-Tomografie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) aufgezeichnet. (fMRT ist ein prima ‚Gerät‘, um Zusammenhänge im Kopf transparent (aha: wie das Scrum- oder Kanban-Board, oder?) zu machen.)

Es zeigte sich, dass in allen Altersgruppen und je nach Belohnung etwa gleich viel Dopamin ausgeschüttet wurde – natürlich korrigiert um die gausssche Normalverteilung, aber das Ergebnis war repräsentativ. Das eigentliche Ergebnis in einem Quer-Check war, das das Gehirn der älteren Teilnehmer weniger intensiv darauf regierte als das der jüngeren. An dieser Stelle fällt mir die Ableitung leicht, dass mit zunehmenden Alter die externe Erfahrung (in der Arbeitswelt), aber auch die interne Erfahrung (im Umgang mit sich selbst) mit den Dopamin-Flutungen besser, weiser und umsichtiger umgehen kann. Der Spruch: „Traue keinem Scrum-Master unter 40!“ bekommt hier eine weitere Bedeutung. Sie ahnen, welche.

Vor allem der präfrontale Cortex (Die größte Hirnstruktur des Menschen ist der Stirn– oder Frontallappen – er nimmt den gesamten vorderen Teil des Cortex bis zur Zentralfurche ein). Viele Autoren verorten hier die höheren geistigen Funktionen des Menschen, manche bezeichnen ihn gar als den Regisseur im Gehirn, als Träger unserer Kultur und überhäufen ihn mit weiteren Superlativen. Und tatsächlich, obwohl große Bereiche des Frontallappens motorische Aufgaben haben, wird dessen vorderster Bereich, der präfrontale Cortex – kurz PFC – immer wieder im Zusammenhang mit Aufmerksamkeit, Nachdenken, Entscheidung und Planung genannt und gilt als Sitz der Persönlichkeit. Bei solch gewichtigen Funktionen wundert es nicht, dass der PFC die Struktur im menschlichen Hirn ist, die am meisten Zeit für ihre Entwicklung braucht: bis zu 25 Jahre dauert es, bis er völlig ausgereift ist.

Jüngere ‚Testlinge‘ zeigten mit steigender Dopamin-Ausschüttung eine höhere Aktivität in diesem Bereich. Bei den älteren beobachteten die Wissenschaftler einen schwächeren bis gegenteiligen Effekt: Je höher der gemessene Dopaminspiegel, desto weniger aktiv war diese Hirnregion. Es scheint, als ob der Neurotransmitter im Alter mit seiner Wirkung verpufft und somit ins Leere läuft. Die Vermutung liegt nahe, dass ältere Menschen Verlangen und positive Erwartungen nicht mehr so intensiv erleben wie in jüngeren Jahren. Das kann man so im Raum stehen lassen und dazu möchte ich gerade in Hinblick auf Agilität einen weiteren Gedanke ins Spiel bringen. Mit zunehmenden Alter sinkt die kurzfristige Risikobereitschaft (hohe Risikobereitschaft = Auswirkungen eines Risikos sind mangels Erfahrungen noch nicht so oder für eine langfristiges Wirken bekannt); Im geringeren Alter ist die hormonelle Spontanität grösser. Der Volksmund kennt das unter dem Begriff: „Hörner abstossen“. Immer wieder spannend, was an Wissen (schon vorher) da war.

Dopamin, die Belohnung – und lernen? (3)

Hunger und Durst sind elementare Lebensbedürfnisse, also existenziell, die ‚Sucht‘ nach Anerkennung rückt in letzter Zeit immer mehr in den Vordergrund. Wird das verwehrt, gibt es entweder körperliche oder geistige / emotionale Probleme. Werden sie befriedigt, stellen sich Glücksgefühle ein, die leider weder speicherbar sind sondern lange anhalten. Hier hat die Evolution einen ausgeklügelten Schutz eingebaut: Glücksgefühle sowie der Zustand ’satt‘ machen zufrieden, aber träge. Und Trägheit in der Evolution unserer Geschichte war der beste Garant dafür, unterzugehen oder gefressen zu werden. Somit hat die Evolution schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb unserer Spezie hier die Agilität des schnellen Zerfalls dieser Gefühle gebaut. Das ist raffiniert.

Mit den Glücksgefühlen gilt auch für andere Bereiche: Wir sehnen uns nach Sexualität und dem Anblick von geliebten Menschen genauso wie nach der Dopamin-Droge selbst. Wir suchen den Kick einer Achterbahnfahrt, beim Extremsport oder durch neue Erfahrungen, erst recht gesteuert auch bei der Arbeit. Und jede gelungene Iteration (bei der Arbeit mit agilen Methoden) bringt davon reichlich. Gut ist, wenn aus diesen Erfahrungen über die Retro hinaus auch zielgerichtet gelernt wird. Wir planen unser Leben und schuften für Haus (Bank), Kinder, Partner, die große Weltreise oder die Liason – immer in der Hoffnung, am Ende endlich glücklich zu sein. Es gibt kein Ende! Lesen Sie nochmal von oben: Sie werden jetzt bestimmt verstehen, dass das ein konditionierter Planungstrugschluss ist. Gruß aus dem Hamsterrad!

Das stets vorhandene Bedürfnis und die Aussicht auf Belohnung motivieren zum Handeln. Dafür sorgt das neuronale Belohnungssystem im Gehirn. Empfinden wir Freude oder Glück, wird das Denkorgan von Botenstoffen durchflutet. Das schafft Wohlgefühl und lässt Menschen agieren – oder stürzt sie in Sucht, Siechtum und tiefes Unglück, gerade weil sie Ihre Droge nicht bekommen. Doch halt: Welche meine ich denn jetzt?


©2019 Kopitzke ® Pro | Impressum | Datenschutzerklärung

Log in with your credentials

Forgot your details?

Send this to a friend