Exploration mit Irrtümern agile flink entzaubert

oder die verbindende Differenz zwischen agil(e) und stabil

Das Zaubertwort: AGILE

Ist das Kind, der montierte Schaukelsitz oder die Standfeder agil? Nein. Das Zusammenspiel ist agil. In diesem und einem weiteren Artikel, warum es dafür Stabilität braucht, werde ich das beleuchten. Vorweg: Das Kind muss stabil sein, die Schaukelhilfe auch und die Bodenfeder erst recht. Erst im Zusammenspiel der Kräfte können genau diese Kräfte den gewünschten Spass und Erfolg (beim Kind) erzielen. Aber nur, weil alles für sich selbst gesehen stabil ist. Das ist die verbindende Differenz dazwischen. Steigen wir ein? In eine Exploration mit Irrtümern …?

Das „Zauberwort“ Agile, gepaart mit Digitalisierung, Change, Transformation und anderen, motivierenden und nicht weniger unspezifischen Begriffen, mit denen auch ich mehr oder weniger (gedankenlos) umgehe, ist ganz schön – abgegriffen. Ohne jetzt selbst- oder gesellschaftskritisch zu werden, der Begriff wird im Business und zu den anstehenden Herausforderungen permanent strapaziert. Aus einem Gespräch habe ich eine einfache und gleichzeitig komplizierte Frage mitgenommen:

Was ist denn nun dieses Agile?

AGILE – flink entzaubert

Eine Wolke über Werte, Haltung und innere Einstellungen, gepaart mit (der Kürze der Zeit geschuldeteten) oberflächlichen Schlagworten aus dem Lean-Management (siehe unten) und KaiZen liess die Gesichter der interessierten Personen zu stehenden Fragezeichen werden. DER Grund, mir mal genaue Gedanken, insbesondere zu der ergänzenden Frage, wofür steht AGILE wortwörtlich überhaupt, zu machen.

Alle Definitionsansätze verloren sich schnell und wiederholt in die derzeitigen Interpretationen und was es darstellen soll – den Inhalt, die Wurzel und ob es überhaupt eine handhabbare Abkürzung ist, konnte ich nicht finden. Agile ist kein Regelwerk und kein Prozess, sondern vielmehr eine Denkweise, die sich aus einer Sammlung von Werten a) speist und b) weiter entwickelt. Also Erkenntnisgewinn. Und das ist lernen. Somit habe ich selbst eine Definition versucht und entworfen, mit der ich leben kann. Wichtig ist, dass diese auf meinen subjektiven Erfahrungen beruht und keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat. Auch wichtig ist die Erkenntnis, das jeder Mensch nach validen Erklärungen sucht, an denen er sich (eine Zeit lang) festhalten kann. Das macht gute Gefühle.

aus der Gemenge-Lage

Weil es zu oft vermengt wird, ist mir der Unterschied „Agile Methoden“ vs. „agile Techniken“ wichtig, um es zu differenzieren. Heisst, zu verstehen, was hinter dem gewaltigen Wort „agilen Projektmanagement“ steht. Es fällt leichter, wenn Sie (wie ich) zwischen agilen Werten, Prinzipien, Techniken und agilen Methoden unterscheiden. Ich bin auf erst mal folgende Differenzierung gekommen, die mir gut gefällt:

  • Agile Werte bilden das Fundament (eines jeden einzelnen, der agil arbeitet). Vorsicht: Werte sind nicht verhandelbar und können oft nur mit einer Therapie in eine (natürlich von der Person gewünschten) Richtung gebracht werden.
  • Agile Prinzipien basieren auf den agilen Werten und bilden Handlungsgrundsätze. Grundsätze sind „Glaubenssätze“, die durch (oft schmerzlichen) Erkenntnisgewinn korrigiert werden. Diese Ebene ist ‚mächtig‘, Diskussionen über Inhalte können eskalieren.
  • Agile Techniken sind konkrete Verfahren zur Umsetzung der agilen Prinzipien. In meiner Welt sind das überwiegend „Denkhilfen“, die z.B. mit Sprache und Rhetorik ausgelöst werden, UM Prinzipien zu erkennen und für sich zu nutzen.
  • Agile Methoden geben den agilen Techniken eine Gesamtstruktur hin zum Projektmanagement. Aha, Methoden, Mehrzahl, also ein Werkzeugkoffer, wo der Interessierte in den selben greift oder von einem Coach / Mentor zum Reingreifen angeleitet wird

Ein zulässiger Gedanke ist: Wenn über agile Methoden gesprochen wird, sind dann Werte, Prinzipien und Techniken automatisch includiert? Da macht sich gerade (in meinem Kopf) ein kleines Fässchen auf …

A

Attention (Aufmerksamkeit)

Was ist Aufmerksamkeit überhaupt? In diesem Kontext dient, andere Quellen gehen da sehr ausführlich ein, die Aufmerksamkeit dem Einzelnen als Werkzeug, innere und äußere Reize bewusst wahrzunehmen. Heisst, diesen geistig zu folgen. Mentale Ressourcen werden auf eine begrenzte Anzahl von Bewusstseinsinhalten konzentriert, es findet eine bewusste Auswahl (und demzufolge auch eine bewusst Abwahl) statt. Einige „Trigger“, die von innen oder aussen kommen können, ziehen fast automatisch die Aufmerksamkeit auf sich. Das Gehirn verarbeitet gleichzeitig auch jene Reize, oft unbewusst, die gerade nicht im gewollten Fokus stehen. Aufmerksamkeit ist die Konzentration und Selektion der Wahrnehmung auf bestimmte Reize unserer Umwelt, um sie dem Bewusstsein zugänglich zu machen. Das steuert das Denken und Handeln.

G

Growth (persönliches Wachstum)

Mit Growth wird ein persönliches (über die eigenen Möglichkeiten hinaus) wachsen in seinen Fähigkeiten beschrieben. Diese werden oft durch eigene Fehlannahmen und begrenzende Glaubenssätze eingeengt. Hier ist ein Startpunkt, in die Psychologie ab- und viel später wieder aufzutauchen – geschenkt. Im NLP wird oft an und mit Glaubenssätzen gearbeitet. Diese sind einerseits gut, weil sie uns unsere Grenzen zeigen (und das ist schon ein falscher Glaubenssatz), andererseits hinderlich, weil sie uns unsere Grenzen zeigen. Die Krux? Hier eine Hilfe: eine gezeigte Grenze ist nur eine Sperre im Kopf, wo wir glauben (und nicht wissen, weil wir es z.B. noch nicht getestet haben), diese nich überwinden zu können. 3 Ebenen aus dem Tipi Modell wiederlegen das. Diese sind die Motivatoren „wollen“, „können“ und „dürfen“. Verändere ich den eigenen Glauben an diese Motivatoren, verändert sich die innere Einstellung ZU diesen Motivatoren. Diese Erkennt ist ein persönliches Wachstum.

I

Interativ (in kleinen Schritten) verbessern

Im Kontext hat AGILE den Sinn einer sich verbessernde Vorgehensweise, um mit Ungewissheiten in komplexen Situationen umzugehen. Der Begriff VUKA (Volatil, Unsicher, Komplex, Ambivalent) wird hier gerne mit strapaziert. In der Kommunikation oder in einem Change ist der Verlauf größerer Projekte oder die Wirkung von Handlungen nicht vorhersehbar. Jeder  Change als „großer Plan“ mit fixierten Zielen führt aktuell oft zu (bösen) Überraschungen, auf die die Planer und Umsetzer nicht vorbereitet sind. Nicht weil der Plan fehlerhaft ist, sodern weil die Einflüsse von aussen sich rapide und rabiat ändern. Gift für jeden Plan, der mit vermuteten Konstanten überzeugen will. Planungstrugschluss gemerkt? Vermutet ist nicht wissen, und da setzt die Iteration an. Das bedeutet, Pläne nicht aufzugeben, sondern sich im eigenen Vorgehen nur vorläufig sicher zu sein und Teilabschnitte so klein zu halten, daß sie überschaubar bleiben und bei Verlust auch verschmerzbar sind. Iteration heisst, sich in kleinen, überschaubaren Schritten entlang Nutzen, Interessen, manchmal auch an Machtkonstellationen voran und vorbei zutasten. So wird nach und nach Unklarheit abgebaut, Akzeptanz erreicht, Wirkung erzeugt und Routine etabliert. Eine Reihenfolge der Themen ergibt sich erst im Laufe der Transformation.

L

learn lean lightweiht

LEAN ist gedacht die Gesamtheit der Denkprinzipien, Methoden und Verfahren zur effizienten Gestaltung der gesamten Wertschöpfung industrieller Dinge und bedeutet: „Werte ohne Verschwendung schaffen“. Aha, gedeutet. Das Management postuliert dieses gerne als neuen Begriff, was Unsinn ist. Genau betrachtet muss ein Unternehmen daran Interesse haben, seine Prozesse jederzeit so schlank wie möglich zu halten, um Verschwendung zu vermeiden. Letztendlich war es asiatische Mentalität und japanische Entwickler im Autobau, die systematisch und vor allem systemisch darüber nachgedacht haben, wie das am besten funktioniert. Damit tauchen wir in die Philosophie des KaiZen ein, wo ich an anderer Stelle schon kurz geschrieben habe. „Lightweight“ ist mit vielen Assoziationen behaftet und nicht konkret definiert, da es subjektiv eine Empfindung darstellt. Es gibt durchaus offizielle Definitionen der Benutzbarkeit von Software, die mit dem Begriff leichtgewichtig verknüpfbar sind. Ein Ansatz ist der Dreiklang der HCI nach DIN ISO 9241. Hier verbergen sich Effektivität (mit dem Werkzeug eine Aufgabe überhaupt zu erledigen), Effizenz (wie schnell und wie einfach die Aufgabe zu erledigen ist) und Nutzerzufriedenheit, die subjektiv ist. Ganz einfach gesagt: Macht Software das, was von ihr erwartet wird, ist schnell und funktioniert störungsfrei, ist dieses Gefühl zumindest gegeben.

E

Exploration (erkunden)

Hier wird es indifferent, weil die Kontexte, in dem Exploration verwendet wird, sehr weit auseinander liegen. Sehr simplifiziert interpretiert im Kontext von AGILE ist mit dem Substantiv Exploration alles gemeint, was mit „erforschen“, „erkunden“ oder „prüfen“. zusammen hängt. Es beschreibt also Vorgänge, deren Ziel im Gewinn neuer Erkenntnis liegt. Damit sind wir in der Conclusion, eine von mehreren Antworten auf ein größeres Warum. Im humoristischen Sprachgebrauch konerkariert es diese überholte Floskel: „Wer arbeitet, macht Fehler, wer viel arbeitet, macht viele Fehler und wer nicht arbeitet, wird prämiert und befördert.“ gut wieder. Sie zeigt genau auf den Denktrugschluss. Nur wer Fehler macht (also Exploration betreibt), hat überhaupt die Chance, aus diesen zu lernen (neue Erkenntnisse gewinnen), um es zukünftig anders bis besser zu machen. Einerseits ist dieser Gedanke nicht neu, schon Einstein schuf dazu mehrere Zitate, andererseits sind wir mit AGILE an dem Punkt angekommen, wo wir alle selbst erfahren, welcher Genius im asiatischen Verhalten bis zu Masterbrains unserer eigenen Geschichte steckt.


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